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Das Geheimnis des Erfolges

„Die Piratenpartei kann man wählen, aber die Stimme ist dann natürlich im Gulli. Wer die Piratenpartei wählt, wird lediglich dafür sorgen, dass die Stimme verloren ist. Wer FDP wählt sorgt dafür, dass dann im Bundestag jemand für Bürgerrechte eintreten kann.“ – dieses Zitat stammt vom damaligen FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle aus dem Jahre 2009, zum jetzigen Zeitpunkt also kaum 2,5 Jahre alt und eine gefühlte Ewigkeit her.

Auf den zweiten Blick ist das Zitat gar nicht mehr so naiv, wenn man bedenkt, dass es in dem Bewusstsein ausgesprochen wurde, das einem Menschen innewohnt, der gerade realisiert hat, dass er etwas sehr, sehr wichtiges verpasst hat, noch dazu als Vorsteher einer sogenannten „liberalen“ Partei.

Lässt sich aber der kometenhafte Aufstieg der Piraten alleine an den Versäumnissen anderer liberaler Kräfte, wie der FDP und den Grünen, in den Bereichen Transparenz, Bürgerrechte, direkte Demokratie, modernes Urheberrecht & Softwarepatente für eine digitale Gesellschaft und nicht zuletzt Internet bemessen oder steckt vielleicht mehr hinter dieser neuen Bewegung?

Ich persönlich denke, es ist vielmehr die Idee hinter den Piraten, die diese Partei so attraktiv für breiten Schichten der Bevölkerung macht.

Im Prinzip lässt sich das Grundkonzept der ersten Generation von Piraten, so wie sie sich im Jahre 2007 gegründet haben und so wie sie ab dem Jahre meines Beitritts in die Partei (2009) verstärkt medial in Erscheinung getreten sind auf die Gemeinsamkeiten der Free Software und Open Source Bewegungen zurückführen: Freier Code für Jedermann bedeutet auch Schwarmintelligenz und Transparenz.
„Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.“ ist ein Motto des CCC oder auch Chaos Computer Clubs, der in diesem Sinne als „Softwaretransparenz- und Datenschutzgesellschaft“, Sicherheitslücken durch die Verwendung von „rootkits“ und anderen Tools  aufspürt und somit Transparenz und Datensicherheit im technischen Sinne schafft; also vorhandene Fehler als intelligenter Schwarm verbessert. Nicht zuletzt die drastischen Mängel im „0zapftis“-Trojaner dürften den Wert dieser Vorgehensweise unterstreichen.

Um Schwarmintelligenz effektiv bewerkstelligen zu können, braucht es eine gewisse Hierarchielosigkeit oder auch Anonymität im Internet in der Aussehen, akademische Reputation und Geschlecht keine Rolle spielen sollten – mit feuchten Augen könnte ich dies auch als modernen Urzustand nach John Locke interpretieren: Jeder Star, darf normaler Bürger sein, jeder Meinungsführer, der jede Silbe im realen Leben gewichten muss, darf hier als „Biker Joe“ einfach mal seinem Unmut freien Lauf lassen und Dinge sagen, die er aufgrund seiner Position und/oder Reputation nicht einmal als Privatperson loslassen dürfte; genauso kann auch jeder Hinz und Kunz Cäsar oder Napoleon sein und alleine aufgrund seiner Eloquenz, frei von ausgetretenen Wegen unseres Gesellschaftssystems, Reputation und Ansehen erlangen und so die nie verwirklichte Sehnsucht nach „Egalite“ befriedigen. Beim CCC heißt es auch „Beurteile einen Hacker nach dem, was er tut und nicht nach üblichen Kriterien wie Aussehen, Alter, Rasse, Geschlecht oder gesellschaftlicher Stellung“.

„But I’m ramblin‘ …“ – zurück zum eigentlichen Gedanken und dem Elixier des Erfolges, was an erster Stelle, wie oben dargestellt, an der Authentizität der Piratenpartei liegen dürfte: Wir waren nicht nur die ersten, die marketingtechnisch formuliert, eine „brachliegende Nische“ besetzt haben, sondern wir sind in dieser Nische geboren worden!
Wir leben das Internet und die politischen Forderungen der Piraten ergeben sich aus dem Beschriebenem.

Genau darin liegt auch auf ganz banale Weise der, welch Ironie, „Kopierschutz“ der Piratenpartei:
Es liegt am Denken an sich, am Prozess und weniger an den Inhalten. Es lässt uns daher herzlich kalt, ob man uns als pädophil, rechts, frauenfeindlich oder was auch immer verunglimpft: Unsere Generation baut eine Struktur, die Inhalte kommen per Update.

Es genügt eben nicht, ein CSU.net für Parteimitglieder aufzusetzen, deren Vorschläge und Meinungen eh keinen Mensch in der Führungsebene interessieren und auf irgendeiner Festplatte verstauben, sondern man muss wirkliche, echte transparente und ernsthafte Partizipation anbieten, die sich nicht in Lippenbekenntnissen erübrigen sollte.
Die Piraten zu kopieren, heißt deren Prozesse zu kopieren und Schwarmintelligenz und flache Hierarchien zuzulassen; wer das verstanden hat, ist schon einen Schritt weiter beim Versuch das Phänomen begreifen zu wollen.

Die CSU darf das jederzeit kopieren, wenn sie es schaffen würde, dann bräuchte es keine Piraten mehr und ich würde sie vielleicht sogar erstmalig im Leben wählen!

Dieses neue Denken der Offenheit und flachen Hierarchien haben die Piraten in Teilen der Gesellschaft schon etabliert oder sind zumindest Sprecher der Bewegung dieser Generation und haben damit unabhängig von all dem (positiven und negativen) was noch kommen mag schon jetzt etwas erreicht, was uns und unserer Generation nicht mehr zu nehmen ist.

Ich heiße Christoph und ich bin Pirat!