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Generationskonflikt – expressis verbis

Haltens dochs Maul, Sie langhaariger Pilzkopf; wenns scho koa Hirn ham!, so ungefähr  jedenfalls unser langjähriger bayerischer Ministerpräsident Franz Joseph Strauß im Wahlkampf zur Bundestagswahl 1984.


Für heutige Verhältnisse unvorstellbar, aber wer im München von Uli Hoeneß und Franz Joseph Strauß aufwuchs, vielleicht auch denn und wenn mal im bayerischen Umland der 80iger unterwegs war, für den waren derartige Ausbrüche so normal, wie es für die heutige Generation vielleicht ein Selbstmordattentäter wäre und – ups, da wären wir schon beim zentralen Punkt: Der Ironie und der Freiheit des Wortes an sich. Darf ich das überhaupt?

Mache ich mich nicht in diesem Moment auf Kosten unschuldiger Opfer eines, von wem auch immer initiierten, Terroraktes lustig? Oder steckt in dieser vordergründig plump, banalen Aussage nicht viel mehr; könnte es nicht sein, dass ich einerseits das alltägliche einer Generation hervorheben möchte, aber andererseits Kritik an genau dieser Banalität des Grauens üben möchte?

Helfen mir dabei nicht banale, oberflächliche, provokante Aussagen und gerade Ironie dabei, die weitreichenste emotionale und auch kognitive Reaktion beim Zuhörer/Textbetrachter auszulösen; bleibt uns nicht gerade bei der Dreigroschenoper im besonderen hängen, dass ihm das Weibes Loch, das Grabloch war ? Wer denkt nicht an den Götz von Berlichingen, auch wenn man vom restlichen Werk keine Ahnung hat,  oder an das Grasssche Wettwichsen von der Schiffsreling – Sie möchten wüten gegen sich und toben…;)

Georg Diez zitiert in seiner Spiegelkolumne anlässlich des Karl May Jubiläums aus einer erst kürzlich veröffentlichten Schrift Camus und widmet sich in der Kolumne der Frage:

Ist Ironie also ein Mittel der Tarnung, der Verstellung und der Täuschung oder eines der Aufklärung? Und was wäre dann der politische Ort der Ironie? Ist Ironie links oder rechts, festigt sie die Macht oder bekämpft sie die Macht, ist sie ein Mittel der Schwachen oder der Starken, ist sie aggressiv und offen in dem, was sie will, ist sie ätzend und zersetzend oder ist sie ästhetisch und hübsch, nett, verschleiernd, ist die Doppelbödigkeit ein Weg, die eigentlichen Absichten zu verstecken?

Diese Frage beantwortet er insofern, als dass für ihn die Ironie eine Mata Hari ist, eine Doppelagentin der Wahrheit, die eben zwei Gesichter hat.

Im Englischen unterscheidet man spätestens seit Shakespeare zwischen dem clown und dem  fool, wobei ersterer ein banaler Lachsack ist und letzterer one who subverts convention or orthodoxy or varies from social conformity in order to reveal spiritual or moral truth, man denke nicht zuletzt an Shakespeares König Lear.

Aber wo stehen wir 400 Jahre nach König Lear? Können wir uns in einer digitalen Gesellschaft, die weltweit über kulturelle und geographische Barrieren hinweg vernetzt ist noch eine derartige Ironie erlauben?

Sehen wir nicht eine Generation nach uns kommen, die jedes Wort -von frühester Schulzeit an- gelernt hat auf die Goldwaage zu legen, um nicht Gefahr zu laufen Opfer einer Twitter, Facebook, etc. Mobbingkampagne zu werden, die dann theoretisch in Bruchteilen von Sekunden weltweite Resonanz erreichen könnte?

Ich denke ja, die Zeiten ändern sich gewaltig und nos in illis.

Peter Richter beschreibt es in der FAZ folgendermaßen:

Früher hatte man Witz, heute erzählt man sich welche. Ein Witz ist heute dazu da, dass sich die Leute vor Lachen auf die Oberschenkel hauen. Witz war im Ursprung aber etwas, das man brauchte, um im Salon mithalten zu können, wenn ein Wort das nächste ergab und ein Gedanke an den anderen stieß wie bei einem Billardspiel, Witz hieß Geist, geistreich sein und geistesgegenwärtig.

Die Frage ist nur, verstehen heutzutage alle am Spiel beteiligten dieses intellektuelle Billardspiel über 3 Banden überhaupt noch?

Ist es in Zeiten von 30 Sekunden flashs und drögen like, dislike Buttons überhaupt noch möglich eine ironische, aber dennoch inhaltsreiche Debatte zu führen – oder handelt es sich hierbei gar nur um ein Phänomen des deutschsprachigen Raum, wie Jean Paul nach Richter zitiert wird:

„Überhaupt verzeiht der Deutsche den Witz als Nebensache lieber denn als Sache – er will ihn als Putzkleid, nicht als Amtskleid erblicken“, notiert Jean Paul in seiner „Vorschule der Ästhetik“

Also schaffte es King Lear einfach nur nicht nach Deutschland oder liegt es an der Ironie in modernen Zeiten an sich?

Es hat etwas von beidem, meine ich: Die deutsche Sprache ist sehr klar strukturiert; technisches Wissen kann sehr spezifisch und detailliert beschrieben werden, Doppeldeutigkeiten sind hingegen verglichen gerade mit dem Englischen nur sehr schwer möglich.
Puns, diese wunderschönen intellektuellen Spielereien mit Worten sind einfach nicht drin in der deutschen Sprache. Full Metal Jacket, ein Stanley Kubrick Antikriegsfilm voller Witz und Esprit wird in der deutschen Fassung ein monotoner Langweiler mit Witzen auf Hauptschulniveau – wie sollte man auch God got a heart/hard on the Marines! ins Deutsche übersetzen können?

The Horror titulierte der Economist seinen Beitrag zum Massaker des US Staff Sergeants Bales in Afghanistan. Man sollte jetzt wissen, dass besagte Zeitung einen Faible dafür hat, Schlagzeilen durch Hollywoodfilmtitel oder Zitate zu füllen. (Beispiel: Zum Nahostkonflikt gab es mal eine Schlagzeile  Apocalypse, soon – auch hier handelt es sich um diesen Film. Das in der Linkbeschreibung verwendete Zitat dürfte aus Marlon Brandos „Kurtz Monolog“ hinreichend bekannt sein.)
Ein Unding in diesem Zusammenhang?

Ich denke auch an prägnant-provokante Konstruktionen wie Thatcherism und Bushisms, bei denen selbst non-native speakers klar sein dürfte, was gemeint ist. Oder gar, wie übel, die Verballhornung ganzer Nachnamen: Bliar war die populärste Travestie des Namens Blair auf den Anti-Irakkriegsdemos des letzten Jahrzehnts.
In Deutschland wird Stefan Raab dafür von Lisa Loch verklagt. – keine gute Basis für einen ironisch-intellektuellen Diskurs jenseits des Klamauks.

Alles auf den kulturell-sprachlichen Unterschied zu schieben, wäre dennoch zu simpel. Seriöse Leute argumentieren halt ernsthaft oder wie Richter dazu schreibt:

Hier beginnt das Phänomen, dass die bloße Abwesenheit von Witz, Talent und Esprit schon als seelische Tiefe und moralische Redlichkeit durchgehen.

Bestes Beispiel hierfür wäre die VWL-Fakultät der LMU, die sachlich, nüchtern und gänzlich ohne Verschwendung von Humor darum bemüht ist die Externen Effekte der weiten Welt zu internalisieren, dabei sogar gute Lösungen entwickelt, aber nicht die geringste Chance auf Gehör findet, weil sie es nicht versteht, die komplexen Inhalte mit Charme und eben diesem besagtem Esprit zu übermitteln.

In diesem Zusammenhang ein letztes Mal Richter, der eine Studie eines Mediävisten (Mittelaltertumsforscher) zitiert:

Valentin Groebner hat gerade eine Studie zu der Frage vorgelegt, warum sich die Sprache jüngerer Kulturwissenschaftler um so verbissener hinter standardisierten Intellektualitätsattrappen verschanzt, je prekärer ihre soziale und hierarchische Situation ist („Wissenschaftssprache“, Konstanz University Press)


Meiner Ansicht nach verursacht die Mischung aus den grundsätzlich vorhandenen sprachlichen Eigenheiten, eines rasant erweiterten medialen Wirkungskreises und nicht zuletzt die von Groebner angeführte soziologische Komponente, einen rasanten Verfall der Ironie im intellektuellen Diskurs.
Nicht zuletzt, wenn man jetzt noch die Bemühungen um Pseudonymisierungsverbote im Internet und dergleichen im Auge hat, dann kann man sich vorstellen, dass der -stets verkleidet auftretende- fool in der digitalen Welt einen harten Stand gehabt hätte; noch dazu, wenn er mit Klarnamen seine Kritik an der Autorität hätte vorbringen müssen.

Ich denke, es ist zu einfach zu behaupten, dass Konversation immer nur für den einen Empfänger gemacht sein muss, der am wenigsten versteht, sondern ich darf auch getrost behaupten, dass die Konversation, welche Menschen verbindet oder auch trennt per se eine Art soziologische Filterfunktion innehat und anstelle die Filter des Einen zu kritisieren, sollte man halt besser den (Un-)Wahrheiten des fools fernbleiben, denn

Die Wahrheit und die Freiheit sind wie zwei anspruchsvolle Maitressen, deshalb haben sie auch so wenig Liebhaber. (Camus)