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Wie es zum Liquidizer kam

Wer durch die Mailinglisten, Diskussionsforen, Wikis und diversen anderen Kommunikationsmittel der Piraten stöbert, wird öfter auf Begriffe wie Liquid Democracy Tools, Liquidizer, Adhocracy und Liquid Feedback stoßen und sich wundern, was es damit auf sich hat und wie es dazu kam.

An dieser Stelle soll es nun darum gehen, wie es bei einem dieser Tools, nämlich dem Liquidizer, dazu kam – nicht wie es funktioniert, dies wird an diversen anderen Stellen ausführlich erklärt – JFGI! ;)

Alles fing im Rockefeller Center an, nein nicht dem in New York, sondern in unserer WG-Küche in der Rockefellerstraße in München. An einem rotweinschwangeren Abend mitten im damaligen „New Economy“ Boom der Jahrtausendwende saßen mein langjähriger Mitbewohner Egem Sahin, mein Schulkamerad Stefan Dirnstorfer und ich in besagter Küche unserer WG und machten uns daran unsere Fundamentalkritik am politischen System mit den Methoden der Finanzwissenschaft zu verknüpfen:
Wieso müssen Wahlen eigentlich nur alle 4 Jahre stattfinden?“ und „Wie kann ich stattdessen permanentes Feedback geben und einholen?

Die Idee der „politischen Wetten“ war rasch geboren und ein Arbeitstitel Broke-it.com schnell gefunden und alles genauso schnell wieder ad acta gelegt, weil es damals im Jahre 1999 nicht die Möglichkeit gab, Verträge per Mouseklick abzuschließen oder alternative Zahlungssysteme, wie z.B. Paypal für die zu erwartet gehandelten Kleinstbeträge zu benutzen.

1 Jahr später schaffte es der äußerst sympathische Ire John Delaney mit der gleichen Idee und der von ihm gegründeten Firma tradesports.com auf die Titelseite der Financial Times.

Wir verlagerten die Idee vom Wetten auf politische Ereignisse zu einem vagen politischen Wahlsystem, das mithilfe von charttechnischen Analysemethoden arbeiten und graphisch anschaulich und in Echtzeit politische Stimmungen und Tendenzen wiedergeben sollte.
Des weiteren war die Idee, ähnlich dem System eines Future-Kontraktes, eines Optionsscheins oder auch ferner dem der radioaktiven Halbwertszeit, sämtliche politischen Tendenzen und Meinungen mit einem „Mindesthaltbarkeitsdatum“, also einer kontinuierlichen Verfallszeit zu versehen, schon zu Zeiten von Broke-it.com geboren worden.

Hier endete allerdings auch die Geschichte in einem über 10 Jahre andauerndem Dornröschenschlaf, weil Egem und Stefan gemeinsam bei einer namhaften Bank anheuerten und die ungewisse Bestimmung von Broke-it.com nicht zum persönlichen Schicksal werden lassen wollten – tradesports.com meldete 2008 Insolvenz an.

Nach einer Odyssee im politischen Raum, wurde ich im Januar 2010 auf ein interessantes Themenfeld innerhalb der Partei aufmerksam: Liquid Democracy, also „flüssige“, „glasklare“ und transparente Demokratie.
Hm, klingt ja alles interessant mit der Bürgerbeteiligung undsoweiterundsofort, aber wie wollen die das bewerkstelligen – wie in Athen 5000 am Marktplatz? – Nein, sie verwenden eben die Tools, so ungefähr wie dieses Liquid Feedback, das damals von Pavel Mayer und @schmidtlepp aka @commodore, aka Christopher Lauer aus Berlin gepusht wurde.

Ich besuchte also Schmidtlepps Liquid Feedback-Vorstellung in Regensburg und

erste Arbeitsversion beta-10.05 Ludicrous Liquidizer - by Liquidizer

schaute mir die Seite an, stellte allerdings schnell fest, dass sie in meinen Augen grundsätzliche Konstruktionsfehler hatte und obendrein in der damaligen Version arg altbacken daherkam; nicht wirklich meins.

Also durchforstete ich die Untiefen des Piratenwiki und fand neben dem bereits erwähnten Liquid Feedback noch Adhocracy von Friedrich Lindenberg, das vom Liquid Democracy e.V. unterstützt wurde, Votorola und ferner die Little Grassroot Democracy Machine.
Die meisten Ideen, einschließlich Liquid Feedbacks, kamen aus dem Gründungsjahr der Piratenpartei und waren mehr oder weniger ausgegoren.
Die Grassroot Democracy Machine, hatte wohl Achsbruch erlitten, von denen kam nie ne Antwort, das Votorala-Team antwortet sehr freundlich, steckte aber selber noch im Alphastadium, das Liquid Feedback-Team erwies sich als kritikresistent.
Friedrich Lindenbergs Adhocracy kam unserer Idee zwar am nächsten, war aber schon fast fertig und funktionierte als bessere Wikisoftware mit Sortierfeature recht brauchbar; nicht zuletzt die Stadt München profitierte durch das MOGDy Projekt davon. – Auch an dieser Stelle nochmal ein herzliches Dankeschön @pudo für den sympathischen und kollegialen Austausch!

Graph Ludicrous Liquidizer 10.05 - by Liquidizer

Dennoch hatte ich andere Gedanken. Mittlerweile war die (virtuelle) Pressestelle des Landesverbandes aufgebaut und die ersten Journalisten scharten an der Tür: „Wir haben in 2Std. Sendung zum Thema ‚Eu-Norm für Bierstöpsel‘ und bräuchten nen Landesvorstand, am besten den Vorsitzenden der die Meinung der Piraten zu diesem wichtigen Thema ausführen könnte!“ oder „Wir sind vom Lokalradiosender sowieso und brauchen in einer halben Stunde einen Vorstand zum Thema „Datenschutz im bayerischen Unterholz aus X!“ (<-Platzhalter für eine bevölkerungsarme Region irgendwo dort wo der Pfeffer in Bayern wächst.)  – so, oder so ähnlich.

Delegationen Ludicrous Liquidizer 10.05 - by Liquidizer

Wäre es da nicht klasse für den Vorstand einer Partei, die sich als durch und durch basisdemokratisch versteht, zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber null Programm jenseits der bedingt ausformulierten Kernthemen aufzuweisen hatte, nicht einfach ein Tool zu entwickeln mit dem in Echtzeit Tendenzen, Meinungen und kontroverse Sachgebiete aufgezeigt und schnell graphisch dargestellt werden könnten?

Hier schließt sich also der Kreis zur WG-Küche und führte zurück zu Stefan.
Als ich ihm von der Idee und meinem Konzept erzählte, war er schnell Feuer und Flamme, programmierte den Liquidizer im Alleingang in nur einem Monat und machte eine präsentationsfähige Version daraus.

Erstmals wurde die Idee des Liquidizers am Bundesparteitag 2010 in Bingen den DACHL-Vertretern der Pirate Party International vorgestellt. Gerade die Luxemburger Piraten waren von dem unkomplizierten und optisch ansprechenden Tool sehr angetan und hatten in der Person von Jerry Weyer einen tatkräftige Unterstützer und konstruktiven Kritiker – vielen Dank auch an dieser Stelle an Jerry!

Stefan engagierte surlepavles als Designerin für das Liquidizer Logo, das wir bewusst von einer Frau gemacht haben wollten, da die Seite nicht nur Hardcore Techis begeistern, sondern für alle gleichermaßen sympathisch und einladend ausschauen sollte. Stefan hostet die Seite, administriert sie und leistet das alles im Alleingang, weil ich programmiertechnisch unbedarft bin.

Die von mir eingebrachte Idee eines Matchmakers, ähnlich dem von Internet-Flirtseiten, bei denen man potentielle Partner mit gleichen Charaktereigenschaften und Vorlieben finden kann, baute Stefan zu einem komplexen, dreidimensionalen System aus, dass um eine emotionale Komponente und die Stärke der gegenseitigen Bindung erweitert wurde; letzteres sicher ein gutes Feature.

aktuelle Version des Liquidizer - by Liquidizer

Boris Turovskiy übersetzte den kompletten Liquidizer ins Englische und Russische – auch hier ein herzliches Dankeschön für die Arbeit @turbor – damit ihn auch die Partei ohne Namen, wie die Piraten in Russland bei der Wahl zur Duma offiziell hießen (nachdem ihnen der Name Piratenpartei dort verboten wurde), nutzen konnten und so den Gedanken von Liquid Democracy und Transparenz so auch nach Russland tragen konnten.

aktuelles Histogramm mit Bucketsize 0,01 - by Liquidizer

Alles in allem bleibt ein Tool, das man durchaus noch um diverse Komponenten erweitern könnte, wie zum Beispiel ein von Pirat Markus aus München vorgeschlagenes Kommentar-Rating oder ein Kategorien-Mashup wie von @nottinghill angeregt.

Das schöne am Liquidizer: Es ist ein Werkzeug, dass direkte Partizipation möglich macht,  es ist Open Source und weiterentwickelt von vielen Gleichgesinnten; so wie es bei den Piraten und Menschen die der Open Source Idee nahe stehen halt üblich ist.